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Themen: Klimaretter Insektenmehl: Revolution in der Futtermittelindustrie?

Category
Natur und Umwelt
Production information
Ökologie
Produced in (country)
D
Produced in (year)
2019
Description
Fleisch und Milchprodukte haben ihren Preis. An der Supermarkt-Kasse wie in der Klimabilanz. Ein Grund: Viehfutter-Importe. Eine Alternative könnten heimisch gezüchtete Insekten sein. Mehr als 66 Millionen Tonnen Treibhausgase produziert die deutsche Landwirtschaft jährlich. Hinzu kommen etwa sechs Millionen Tonnen aus dem Import von Sojafutter für die konventionelle Viehhaltung. Die müssten aber vielleicht gar nicht sein. Heinrich Katz aus Brandenburg betreibt die erste industrielle Insektenfarm Deutschlands. Etwa 300 Tonnen Larven-Mehl stellt die Firma pro Jahr her. Damit versorgt sie bereits heute Haustiere aber auch Aquakulturen. Reich an Proteinen, sagt der Insektenzüchter, wären die Larven der perfekte Eiweisslieferant für unsere Nutztiere. In der freien Natur gehören Insekten zum festen Speiseplan von Schwein und Huhn, sind nährstoffreich und vermutlich umweltfreundlicher als Soja. Die Produktion sei zudem extrem flächeneffizient. Experten gehen davon aus, dass künftig bis zu 10 Prozent der Sojaimporte durch Insekten-Mehl ersetzt werden könnten. Es gibt nur ein Problem: In Europa sind Insekten als Futtermittel bislang verboten. Nun kämpft Katz gemeinsam mit dem internationalen Verband der Insektenproduzenten (IPIFF) um die Legalisierung des Insekten-Mehls als Futtermittel. Für uns Menschen sind Insekten seit 2018 als Nahrungsmittel anerkannt, für unsere Nutztiere aber haben die Politiker noch Bedenken. In der Europäischen Union wird das Thema bis heute diskutiert. Ist das Insektenprotein tatsächlich nachhaltiger als Soja? In der Forschung besteht kein Konsens. Nutztierwissenschaftler Dr. Christoph Sandrock vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau misst deswegen in seinem Labor in der Schweiz den tatsächlichen CO2-Ausstoss, den Larven der Schwarzen Soldatenfliege verursachen. Die genauen Daten sind für Industrie und Politik von grossem Interesse. Finale Ergebnisse liegen noch nicht vor, doch ein Kernproblem zeichnet sich schon jetzt ab: Wie nachhaltig die Larven am Ende wirklich sind, hängt davon ab, womit man sie füttert. Das Prinzip ist simpel: Nur, wenn die Insekten selbst sich nachhaltig ernähren, sind sie auch wirklich nachhaltige Nahrung. Ein Prinzip, das ein Pilotprojekt in Kenia bereits vor zehn Jahren erkannt und sich zunutze gemacht hat: Das Start-up Sanergy hat in den Slums um Nairobi über 2500 öffentliche Toiletten aufgestellt. Die menschlichen Ausscheidungen, gemischt mit Lebensmittelabfällen, nutzen die Unternehmer, um Larven der Schwarzen Soldatenfliege zu füttern. Abfall wird zu Viehfutter verarbeitet – alles Dank der Insekten: Die Allesfresser verwerten Exkremente und Lebensmittelreste und verwandeln die Restströme in Protein für die Futtermittel-Industrie. Es entsteht ein effizientes Kreislaufverfahren. Nicole Sartirani in Berlin wundert das nicht. Wer an ihrem Marktstand steht, der bekommt nicht nur Tapas mit Insekten-Topping, sondern auch einen Crashkurs in Nachhaltigkeit. Die Tochter eines Kammerjägers betreibt ein Catering-Unternehmen und ist überzeugt davon, dass Mehlwürmer & Co.auf unseren Speiseplan gehören. Denn die ökologischen Vorteile in der Human-Nahrung liegen auf der Hand. Warum das ausgerechnet Nutztieren verwehrt bleiben soll, kann sie nicht nachvollziehen. Noch in diesem Jahr, heisst es aus EU-Kreisen, könnte über die Zulassung von Insekten als Futtermittel entschieden werden. Sollte die Abstimmung positiv verlaufen, öffnet sich für Unternehmer wie Heinrich Katz ein komplett neuer Markt.